Hochsensible Menschen oder einfach nur zu zart besaitet?

Jeder Mensch verarbeitet zu jeder Zeit eine Vielzahl an Informationen, die aus der Umwelt auf ihn einströmen. Bei fast allen Menschen wird ein großer Teil dieser Informationen jedoch gefiltert, sodass nur ein kleiner Teil davon tatsächlich bewusst wahrgenommen wird.

Reize aus Alltagssituationen, wie beispielsweise Verkehrsgeräusche, überfüllte Straßen, Menschen, Gerüche, Emotionen etc., werden somit nicht als überfordernd wahrgenommen.

Hochsensible Menschen haben weniger effektive Filter für diese Informationen, was dazu führt, dass sie mehr Informationen und diese gleichzeitig viel intensiver wahrnehmen. Dies kann bereits leichte Stresssituationen bis hin zu Alltagsgeschehnissen unerträglich und überfordernd machen.

Die Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen aus der Umwelt erfordert kognitive Kapazitäten, deren Nutzung bzw. Überreizung mit der Zeit zu Erschöpfung führt. Im Falle von Hochsensibilität sind die zur Verfügung stehenden Verarbeitungskapazitäten schneller ausgelastet, was zu einer schnelleren Überlastung und oft zum Rückzug aus der Situation führt. Dieser Rückzug kann von Mitmenschen als Ungeselligkeit oder gar Unhöflichkeit interpretiert werden, in Wirklichkeit ist es jedoch eine Flucht vor Überlastung durch unkontrollierbar einströmende Reize.

Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal

Mittlerweile gibt es zahlreiche Theorien, die dafür sprechen, dass der Filter, der Informationen normalerweise von der bewussten Wahrnehmung fernhält, bei hochsensiblen Menschen anders arbeitet bzw. weniger stark ausgeprägt ist. Dies lässt darauf schließen, dass Hochsensibilität keine Krankheit, sondern vielmehr ein Wesenszug ist, der sich in besonderer Feinfühligkeit und Sensibilität äußert.

Zwillingsstudien weisen darauf hin, dass hier auch die Genetik eine große Rolle spielt, und Hochsensibilität somit teilweise erblich ist.

Schätzungsweise sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen, wobei zu beachten ist, dass sich die Hochsensibilität in vielfältigen Bereichen äußern kann und unterschiedliche Personen unterschiedlich stark auf bestimmte Reize reagieren.  So nehmen einige der Betroffenen visuelle Eindrücke oder Gerüche sehr intensiv wahr, während andere vielleicht besonders stark auf zwischenmenschliche Signale reagieren.

Die geringere Effektivität der Informationsfilter ist offenbar auf neurologische Besonderheiten im Gehirn von Betroffenen zurückzuführen. Bildgebende Verfahren, wie die funktionelle Magnetresonanztomographie, konnten zeigen, dass das Gehirn von Hochsensiblen in den Arealen der Sinneswahrnehmung und -verarbeitung aktiver ist als normalerweise. Des Weiteren achten Hochsensible offenbar vermehrt auf Details und benötigen mehr Zeit für die Reizverarbeitung.

Hochsensiblen Menschen erfahren in unserer Gesellschaft, in der alles auf Schnelligkeit ausgerichtet ist und die komplex und voll von Reizen ist, oft nur wenig Verständnis.

Auch die Betroffenen selbst müssen oft erst lernen mit ihrer besonderen Eigenschaft umzugehen und sich nicht als Außenseiter wahrzunehmen. Hochsensibilität hat auch positive Wirkungen, wie beispielsweise eine ausgeprägte Feinfühligkeit, das Wahrnehmen von besonderen Details, sowie oftmals einem hohen Maß an Kreativität.

Gegen die permanente Überlastung und schnelle Überforderung, der sich hochsensible Menschen oft ausgesetzt fühlen, existieren bislang keine einheitlichen Therapien oder Behandlungsmethoden.

Gehören Sie zu den Betroffenen, so kann der Austausch mit anderen hochsensiblen Menschen hilfreich sein, um das Gefühl des Alleinseins zu überwinden und zu erkennen, dass es anderen ähnlich geht, wie Ihnen.

Auch die Kontrolle der Aufmerksamkeit lässt sich mit der Zeit trainieren und Mediation, sowie Entspannungstechniken können Betroffenen zusätzlich dabei helfen, die einströmenden Informationen und die eigenen Gefühle und Emotionen besser zu regulieren.